{"id":45,"date":"2024-11-02T20:55:39","date_gmt":"2024-11-02T19:55:39","guid":{"rendered":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/?p=45"},"modified":"2024-11-02T21:09:18","modified_gmt":"2024-11-02T20:09:18","slug":"aus-dem-ich-heraustreten-und-an-die-tuer-des-gegenuebers-anklopfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/aus-dem-ich-heraustreten-und-an-die-tuer-des-gegenuebers-anklopfen\/","title":{"rendered":"Aus dem Ich heraustreten und an die T\u00fcr des Gegen\u00fcbers anklopfen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"initial\">Ein Montagmorgen im September. Es ist elf Uhr. Wir sitzen mit zweiundzwanzig Personen in einem Raum im Haus Giersberg, dem Tagungshaus f\u00fcr die Fortbildung von Haupt- und Ehrenamtlichen im Gesundheitswesen in Witterschlick. F\u00fcr mich ist es das erste Mal, seit Corona Einzug in unser Leben genommen hat, dass ich mit so vielen Menschen gleichzeitig f\u00fcr so lange Zeit drinnen zusammen bin. Nach \u00fcber eineinhalb Jahren Pandemie, mehreren Lockdowns, Homeoffice und Distanzhalten ist das gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig. Zwar tragen wir alle den obligatorischen Mund-Nasen-Schutz, Fenster und T\u00fcren stehen offen, aber in diesem Moment sp\u00fcre ich deutlich die Entw\u00f6hnung von der Selbstverst\u00e4ndlich und Normalit\u00e4t des Zusammenseins. Auch in den Augen und am Stirnrunzeln der anderen meine ich, Unsicherheit zuerkennen. Immer wieder schweifen die Blicke durch den Raum, pr\u00fcfend, ob der Abstand im Stuhlkreis zwischen uns gro\u00df genug ist. Wir m\u00fcssen uns erst mal aneinander und an die Situation gew\u00f6hnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir, das sind insgesamt zwanzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die sich im n\u00e4chsten knappen Jahr zu Trauerbegleiter*innen ausbilden lassen. Mit uns im Raum sind Sylvia Brathuhn und Thorsten Adelt, zwei der drei Kursleiter*innen. Monika M\u00fcller kommt am n\u00e4chsten Tag dazu. Nachdem die organisatorischen Dinge gekl\u00e4rt sind und Thorsten und Sylvia sich vorgestellt haben, lernen wir einander kennen. Es geht reihum. Wir erz\u00e4hlen, wer wir sind und warum wir Trauerbegleiter*innen werden m\u00f6chten. Die Menschen hinter den Masken kommen zum Vorschein und ich merke, dass mit der schwindenden Anonymit\u00e4t langsam die Unsicherheit von mir abf\u00e4llt. Die Vorfreude verwandelt sich in Freude, endlich da zu sein. Ich hatte lange gebangt und gehofft, dass der Kurs stattfindet. Jetzt kann es losgehen!<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"201\" height=\"283\" src=\"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/ls.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-54\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Lena Schnabel<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Irgendwann bin ich an der Reihe. Ich erz\u00e4hle, dass ich seit gut viereinhalb Jahren ehrenamtlich bei Bonn Lighthouse arbeite und mich die Themen Sterben und Tod intensiv besch\u00e4ftigen. Dass die Arbeit im Verein mir Sinn gibt, weil sie Menschen unmittelbar zugute kommt und weil ich mich hier Menschen zuwende, denen ich in meiner Alltagsblase sonst nicht begegnen w\u00fcrde. Der Wunsch, Trauerbegleiterin zu werden, hat sich im Laufe der Zeit entwickelt und ist immer mehr gewachsen. Ich selbst wurde bei Bonn Lighthouse nach einer heftigen Verlusterfahrung begleitet und habe die Erfahrung gemacht, wie wichtig es ist, diesem Tsunami von Gef\u00fchlen nicht alleine ausgesetzt zu sein. Dann lese ich meinen Text vor. Das war nach der Bewerbung selbst die zweite Aufgabe an alle; einen uns unterst\u00fctzenden Text mitzubringen. Ich habe ein paar Zeilen aus dem Lied \u201eMy Blakean Year\u201c von Patti Smith ausgew\u00e4hlt, mit denen ich Hoffnung, Mut und Kraft assoziiere. Dann geht es weiter. Die anderen erz\u00e4hlen von sich, ihrer Motivation, die Ausbildung zu machen und schlie\u00dfen mit ihren Texten. Das Kennenlernen ist sehr pers\u00f6nlich und bringt uns direkt dorthin, womit wir uns bis Freitag besch\u00e4ftigen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">\u201eDas \u201aErw\u00e4rmen\u2018 hilft in der Trauerbegleitung,<br>die Verbindung zwischen trauernder und begleitender <br>Person zu verlebendigen.\u201c<\/h4>\n\n\n\n<p>Selbstreflexion ist das Thema der ersten Woche von insgesamt f\u00fcnf, die sich knapp \u00fcber ein Jahr verteilen. Bevor wir das Handwerkszeug f\u00fcr die Begleitung von Trauernden lernen, leiten Monika, Sylvia und Thorsten an, es an uns selbst zu erfahren. Wir alle haben in unserem Leben pr\u00e4gende Verlust- und Trauererfahrungen gemacht und damit wird jetzt gearbeitet. Die zentrale Methode daf\u00fcr ist das Erw\u00e4rmen. Sie soll helfen, sich besonderes in die Situation des Gegen\u00fcbers einzuf\u00fchlen, indem der Kontakt zwischen trauernder und begleitender Person \u201everlebendigt\u201c wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe der ersten Woche geht es also um uns. Wir beginnen mit einer Wahrnehmungs\u00fcbung und merken schnell, wie schwierig es ist, eine Sache einfach nur zu sehen und als solche stehenzulassen, ohne die n\u00e4chsten Schritte in die Beschreibung, Interpretation und Beurteilung zu gehen. Wie wichtig Innehalten und Wahrnehmen sind. Eine erste Erkenntnis f\u00fcr den Umgang mit unserer eigenen Trauer wie auch f\u00fcr die sp\u00e4tere Arbeit in der Trauerbegleitung. Nach dem Vormittag sind wir voller neuer Eindr\u00fccke. Gemeinsam machen wir uns zu Fu\u00df auf den Weg durch den Kottenforst zur Kantine im Helios Klinikum. Das Laufen durch den Wald tut gut und ein erstes Kennenlernen au\u00dferhalb des formellen Rahmens beginnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag gehen wir auf Traumreise. Streifen im Inneren durch unser bisheriges Leben, vorbei an Momenten, in denen wir Verlusterfahrungen gemacht haben. Die Reise ist eine Vorstufe zur n\u00e4chsten Aufgabe. Wir sollen das Erlebte malen. Ich f\u00fchle mich erschlagen. Von der Aufgabenstellung mehr als von der Traumreise selbst. Ich habe vermutlich Jahrzehnte nicht mehr gemalt. Wie soll ich was Vorzeigbares zu Papier bringen, das auch noch so pers\u00f6nlich ist? Aber es geht nicht darum, ein Kunstwerk zu schaffen und so fange ich einfach an, intuitiv einzelne Motive und Symbole zu malen, die irgendwie doch ein gro\u00dfes Ganzes ergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>In den n\u00e4chsten anderthalb Tagen sprechen wir in zwei Zehnergruppen \u00fcber unsere Bilder. Von Anfang an herrscht eine sehr vertrauensvolle Atmosph\u00e4re, der Umgang miteinander ist gepr\u00e4gt von Respekt und Empathie. Alles andere w\u00e4re dem Rahmen nicht angemessen gewesen, aber dass wir ihn auf Anhieb so schaffen konnten, h\u00e4tte nicht als selbstverst\u00e4ndlich vorausgesetzt werden k\u00f6nnen. F\u00fcr diese positive Erfahrung bin ich sehr dankbar.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">\u201eIn der Trauerbegleitung ist es wichtig,<br>jeder Person wertfrei zu begegnen und sie in ihrer <br>eigenen Individualit\u00e4t wahrzunehmen.\u201c<\/h4>\n\n\n\n<p>Nach der Bildbesprechung sammeln wir uns wieder in der gro\u00dfen Gruppe, reflektieren sie zu zweit mit einer Person aus der jeweils anderen Gruppe. Bis Freitag erproben wir weitere Methoden, lernen unter anderem die drei Felder der Trauer kennen und arbeiten mit einer kleinen bemerkenswerten Bilderserie des an einem Lungentumor erkrankten B\u00e4ckers Herrn B., den Monika in seinem Sterben begleitet hat. Auch mit ihm hatte sie die Methode des Malens angewendet und in seinen insgesamt acht Bildern hat Herr B. einen Weg gefunden, seine Gef\u00fchle in der letzten Phase seines Lebens auszudr\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor wir uns aus der Woche verabschieden, noch eine letzte Aufgabe, die mit einer Frage beginnt: \u201eWas hat dir gut getan in deiner Trauer?\u201c \u201eWandern\u201c, \u201eHumor\u201c oder \u201eb\u00fcgeln\u201c. \u201eEinfach nur ausgehalten werden\u201c, \u201eGespr\u00e4che mit Gott\u201c oder \u201eder Austausch mit anderen Betroffenen\u201c. Das sind nur ein paar Antworten, die zusammengekommen sind. Als dann jede*r von uns eine Antwort vertreten soll, die so gar nicht dem eigenen Wohlbefinden entspricht, veranschaulicht das einmal mehr, wie wichtig es in der Trauerbegleitung ist, jeder Person wertfrei zu begegnen und sie in ihrer eigenen Individualit\u00e4t wahrzunehmen. Es gibt ein sch\u00f6nes Bild daf\u00fcr, wie eine Begleitung mit professioneller Distanz aussehen kann. Das Bild von der begleitenden Person, die aus dem eigenen Ich heraustritt und an die T\u00fcr des Gegen\u00fcbers klopft, um Hilfe anzubieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschied treffen wir uns in gro\u00dfer Runde und blicken gemeinsam zur\u00fcck. Ich bin dankbar f\u00fcr den freundlichen Schlag Menschen unserer Gruppe, f\u00fcr die vertrauensvolle Atmosph\u00e4re, den respektvollen Umgang und f\u00fcr die vielen Begegnungen und Gespr\u00e4che in dieser ersten Ausbildungswoche. Ich bin auch dankbar f\u00fcr das professionelle, empathische Team, von dem wir lernen d\u00fcrfen. Ich fahre nach Hause mit dem Gef\u00fchl, beseelt zu sein und freue mich darauf, alle zur zweiten Ausbildungswoche wiederzusehen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Lena Schnabel<\/em> (2021)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lena Schnabel hat 2017 den Befa\u0308higungskurs zur Sterbebegleitung gemacht und ist seitdem ehrenamtlich fu\u0308r Bonn Lighthouse im Einsatz. Im Herbst 2021 begann sie die Ausbildung zur Trauerbegleiterin an der Akademie fu\u0308r Palliativmedizin Bonn bei Monika Mu\u0308ller und ihrem Team. Hier berichtet sie von der ersten Woche.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":46,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-45","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ausbildung-zur-trauerbegleitung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=45"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":90,"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45\/revisions\/90"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/46"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=45"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=45"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=45"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}