{"id":33,"date":"2024-11-02T20:22:53","date_gmt":"2024-11-02T19:22:53","guid":{"rendered":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/?p=33"},"modified":"2024-11-02T21:10:26","modified_gmt":"2024-11-02T20:10:26","slug":"das-maerchen-von-der-trauer-verarbeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/das-maerchen-von-der-trauer-verarbeitung\/","title":{"rendered":"Das M\u00e4rchen von der Trauer-Verarbeitung"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"initial\">An eine endg\u00fcltige Verarbeitung von Trauer im Sinne einer Erledigung eines schweren Gesch\u00e4ftes glaube ich nicht, wohl aber an die M\u00f6glichkeit und F\u00e4higkeit von trauernden Menschen, einen Umgang mit ihr zu finden, der seelisches Gleichgewicht, Lebensqualit\u00e4t und -perspektive, vertieftes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr sich und andere und Sinnfindung zeitigt. Wenn ich trotzdem beispielhaft von Hilfestellungen in der Begegnung, Beratung und Begleitung trauernder Menschen spreche, so um darzulegen, dass sie M\u00f6glichkeiten im Umgang mit ihrer Trauer zur Verf\u00fcgung haben und dass es Wege gibt, die sie aus der alles besetzenden akuten Trauer im Verlaufe ihrer Zeit finden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich vertraue aus Erfahrung darauf, dass eine durchlebte Trauer, ein durchlittener Prozess zu einem vertieften Lebensgef\u00fchl, zu Reife, zu Sinn: zur Selbstwerdung f\u00fchren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil Trauer in jedem Menschenleben vorkommt, ist sie zun\u00e4chst etwas ganz Normales, auch wenn ihr Erscheinen mit einem Herausfallen aus der Normalit\u00e4t verbunden ist. Sie ist nicht der Ausnahmefall von Leben, sie ist nicht die Katastrophe, die grunds\u00e4tzlich ein b\u00f6sartiges Schicksal hinter sich hat, sie ist kein Abweichen von Gesundheit, also keine Krankheit. Die Trauer ist normal, ein Bestandteil und eine Aufgabe des Lebens. Sie ist Leiden im Gesunden. Trauer ist in ihrer Macht und Gewalt nicht zu untersch\u00e4tzen, aber die meisten Menschen lernen mit dieser ihrer Trauer irgendwann umzugehen, durchleben sie \u2013 nicht selten \u00fcber mehrere Jahre \u2013 und \u00fcben sich darin ein, mit ihr neu und oftmals auch wieder lustvoll zu leben. Meist gen\u00fcgt ein geringes Ma\u00df an St\u00fctze und Begleitung, vor allem verst\u00e4ndnisvolle Angeh\u00f6rige, Kollegen und Nachbarn, um diese Herausforderung sinnerneuernd zu meistern.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">\u201eTrauer arbeitet mit und am Verlust, <br>arbeitet am Abschied, und ist darin im Grunde<br>ein \u00fcberaus lebendiges Geschehen.\u201c<\/h4>\n\n\n\n<p>Trauer arbeitet mit und am Verlust, arbeitet am Abschied, und ist drin im Grunde ein \u00fcberaus lebendiges Geschehen. Trauer l\u00e4sst sich nicht in einem vorher auslegbaren Plan festmachen. Sie folgt zwar bestimmten Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten des Prozesses, in aller Individualit\u00e4t finden sich grundlegende Gemeinsamkeiten, die den Trauerweg kennzeichnen, und doch wird sie von jedem\/jeder aus der Wurzel der eigenen Geschichte, der eigenen Entwicklung, der ganz konkreten Lebensumst\u00e4nde je anders gestaltet. Trauer verl\u00e4uft daher auch nicht gradlinig in einer vorbestimmten Entwicklung zu einem Ziel hin. Viele Trauernde leiden unter dem Erleben, immer wieder zur\u00fcckzufallen: Es gab Zeiten, da glaubte der trauernde Mensch, endlich wieder etwas mehr Halt im Leben gefunden zu haben \u2013 und f\u00e4llt gerade nach dieser so sehns\u00fcchtig erwarteten Erleichterung und R\u00fcckkehr ins Leben in ein \u2013 m\u00f6glicherweise \u2013 noch tiefer empfundenes Loch zur\u00fcck. Und \u00e4u\u00dfert seine Sorge, wieder ganz neu mit dem Trauerweg beginnen zu m\u00fcssen und keinen Zentimeter vorangekommen zu sein. Da haben sich Trauernde m\u00fchevoll eingerichtet, sich mit bestimmten Haltungen gegen unsensible \u00c4u\u00dferungen der Umwelt weniger verletzbar zu machen \u2013 und pl\u00f6tzlich reicht eine kleine Andeutung, um die anf\u00e4nglich geschlossene Wunde wieder aufzurei\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Und dann geht das herzzerrei\u00dfende Herumirren auf dem Trauerweg vermeintlich g\u00e4nzlich unver\u00e4ndert von neuem los. Und doch geht der Prozess nicht von neuem los, sondern er geht weiter. Das bereits Erlebte und in der Trauer m\u00fchsam Erarbeitete geht mit, zeigt sich jedoch in diesem Moment nicht, hat sich zur\u00fcckgezogen und h\u00e4lt sich verborgen. Und doch hat es dem trauernden Menschen wieder etwas Kontur zur\u00fcckgegeben, ihm wieder etwas Eigen-Sinn verliehen. Diese Gedanken- und Gef\u00fchlseinbr\u00fcche werden von Mal zu Mal seltener und von Mal zu Mal weniger heftig. Dem immer wieder neuen Eintauchen in die Niederung der Trauer mit ihrer Gewalt auf diese Weise ausgesetzt zu sein, ist ein Prozess der Seele, die vom ersten Moment der Trauer an auf sch\u00f6pferischen Neubeginn setzt. Jedoch erst im Nachhinein, oft nach Jahren durchlittener sowie durch- und \u00fcberlebter Trauer, k\u00f6nnen Menschen ihr Trauererleben als einen sch\u00f6pferischen Prozess des Neubeginns und der Selbstwerdung erkennen. <\/p>\n\n\n\n<p>So betrachtet wird das Trauern im Durchleiden und Durchleben wie eine Art lange Geburt. Die Phantasie ist schnell befl\u00fcgelt, Vergleiche zwischen Trauer- und Geburtsvorgang zu ziehen im Erleben der Anstrengung \u201eauf Leben und Tod\u201c bis hin zu neuem, eigenst\u00e4ndigem Atmen, Bewegen, Leben. Dass sich der Mensch am liebsten diesen Werde-Gang mit seinem unausweichlichen Schmerz, der zuweilen auch den Tod herbeisehnt, ersparen m\u00f6chte, ist mehr als verst\u00e4ndlich. Daher gibt es keinen Grund, sich Trauerprozesse verherrlichend zu ersehnen, um neue Lebenseinsichten gewinnen zu d\u00fcrfen. Das Trauern ist ein Teil unserer Natur, wie der Verlust auch. Wir scheinen dem aber nicht nur ausgeliefert und passiv \u00fcberlassen zu bleiben. Es geschieht Sch\u00f6pfung \u2013 mehr als \u201enur\u201c am Anfang des Lebens und in kreativen Phasen aufbauenden Lebens.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eines kann der Prozess eines Trauerweges, der nicht im Tod endet, mit ziemlicher Sicherheit verhei\u00dfen: Das Leben geht weiter; es geht anders weiter, nicht nur schlechter, nicht nur schwerer, aber deutlich anders und wird manchmal auch als er\u00f6ffnend neu erlebt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Monika M\u00fcller&nbsp;<\/em>(2021)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Monika Mu\u0308ller ist Pa\u0308dagogin, Beraterin, Fachbuchautorin und Therapeutin. Sie hat u\u0308ber viele Jahre hinweg wesentlich zum Aufbau der Hospizbewegung und deren Strukturen in Deutschland beigetragen. Sie ist eine gefragte Dozentin und ha\u0308lt u. a. Vortra\u0308ge, in den es um die Begleitung sterbender und trauernder Menschen geht. Zudem fu\u0308hrt sie Befa\u0308higungskurse zur Trauerbegleitung durch und Fortbildungen fu\u0308r Menschen, die beruflich mit Trauernden in Beru\u0308hrung kommen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":34,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-33","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gastbeitrag-von-monika-mueller"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":61,"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33\/revisions\/61"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/34"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}