{"id":25,"date":"2024-11-02T19:52:20","date_gmt":"2024-11-02T18:52:20","guid":{"rendered":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/?p=25"},"modified":"2024-11-02T20:39:32","modified_gmt":"2024-11-02T19:39:32","slug":"lernen-mit-der-trauer-zu-leben-nicht-ohne-sie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/lernen-mit-der-trauer-zu-leben-nicht-ohne-sie\/","title":{"rendered":"Lernen, mit der Trauer zu leben \u2013 nicht ohne sie!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"initial\">Lernen mit der Trauer zu leben \u2013 nicht ohne sie!\u201d Mit diesem Worten beschreibe ich bereits im Erstgespr\u00e4ch mit trauernden Menschen das wesentliche Ziel eines Trauerprozesses. Es geht in der Begleitung nicht darum, einen nahestehenden verstorbenen Menschen zu vergessen oder den Schmerz dar\u00fcber vollst\u00e4ndig zu \u00fcberwinden. Trauerbegleitung ist die Suche nach einem Weg, mit diesem Verlust ein \u201eneues\u201c Leben zu leben, in dem die vergangene Beziehung einen ver\u00e4nderten Platz erhalten kann. Dies geschieht durch eine Neuordnung, in dem die Unwiederbringlichkeit des Verlustes in die eigene Lebensgeschichte integriert werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit mehr als 20 Jahren begleite und berate ich bei Bonn Lighthouse erwachsene Hinterbliebene in Form von Einzelgespr\u00e4chen in ihrer Trauer. Rund 160 Personen nahmen in dieser Zeit das kostenfreie, auf Spenden basierende Angebot in Anspruch (ca. 70 Prozent Frauen, 30 Prozent M\u00e4nner). Die Anfragen nach Trauerbegleitungen haben in den letzten Jahren stark zugenommen, sodass mehr als zehn parallele Begleitungen keine Seltenheit mehr sind. Auch die Dauer der Begleitungen hat sich verl\u00e4ngert. Hier machen sich aktuell die Auswirkungen von Corona bemerkbar. Die Einschr\u00e4nkung sozialer Kontakte und die damit verbundene Einsamkeit spielen f\u00fcr Trauernde in der f\u00fcr sie ohnehin schon \u00e4u\u00dferst belastenden Lebenssituation eine noch gr\u00f6\u00dfere Rolle als f\u00fcr alle anderen. Die \u201eKraftquelle Mensch\u201c, die nach schweren Verlusten eine sehr wertvolle sein kann, brach bei einigen Trauernden nahezu komplett weg. Damit erhielten die Begleitungsgespr\u00e4che noch viel mehr Bedeutung und Wichtigkeit. Nicht wenige Begleitungen gehen derzeit \u00fcber den Zeitraum von einem Jahr hinaus, was zum Teil mehr als 20 Gespr\u00e4che pro Begleitung bedeutet. Dies liegt deutlich \u00fcber dem vorher durchschnittlichen Umfang. Ich bin daher sehr froh, dass Bonn Lighthouse seit dem vergangenen Jahr durch Elke Trevisany kompetente Verst\u00e4rkung in diesem Bereich erhalten hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Anfragen f\u00fcr Trauerbegleitung bei Bonn Lighthouse erfolgen zumeist telefonisch durch die Betroffenen selbst. \u00dcber das Internet oder durch pers\u00f6nliche Empfehlungen sind sie auf dieses Angebot aufmerksam geworden. Seit einiger Zeit kommen auch \u00fcber unseren Kooperationspartner am Universit\u00e4tsklinikum Bonn, der Palliativstation Saunders, verst\u00e4rkt Anfragen. Das Saunders-Team nimmt in diesen F\u00e4llen nach R\u00fccksprache mit den Angeh\u00f6rigen Kontakt zu mir auf und fragt die bestehenden Ressourcen ab. In den letzten beiden Jahren haben sich auf diesem Wege sechs Begleitungen ergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem ersten Gespr\u00e4ch mit den Trauernden geht es um das gegenseitige Kennlernen und darum, das Begleitungskonzept von Bonn Lighthouse vorzustellen. Nat\u00fcrlich bleibt schon in diesem Erstkontakt viel Raum, um \u00fcber die aktuelle Situation und Befindlichkeit der Hinterbliebenen zu sprechen. Am Ende dieses Gespr\u00e4ches wird gemeinsam \u00fcber den weiteren Begleitungsverlauf entschieden. W\u00e4hrend des Begleitungsprozesses res\u00fcmiere ich mit den Trauernden jeweils nach f\u00fcnf Gespr\u00e4chen, an welcher Stelle sie sich aktuell befinden, was sich ver\u00e4ndert hat, was als hilfreich empfunden wird und welche Form der Unterst\u00fctzung es noch braucht, um so die Richtung und Perspektiven f\u00fcr das weitere Vorgehen festzulegen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trauer ist keine Krankheit, f\u00fcr die es einen festen Therapieablauf gibt<\/h3>\n\n\n\n<p>Jeder Trauerprozess ist in seiner Dauer und Dynamik individuell. Trauer ist komplex, verl\u00e4uft h\u00e4ufig chaotisch, nicht kontrollier- oder steuerbar, und sie ist kognitiv wie emotional schwer zu erfassen. Wenn ich Betroffenen erkl\u00e4re, dass ihr Empfinden und ihre Wahrnehmung nicht pathologisch, sondern feste und normale Bestandteile von Trauerprozessen sind, ist das f\u00fcr sie h\u00e4ufig bereits eine sehr wertvolle Information. Denn viele erleben, dass es eine gewisse gesellschaftlich tolerierte Trauerzeit gibt. Danach h\u00f6ren sie von Zugeh\u00f6rigen, dass sie langsam mal wieder \u201ein die Spur kommen\u201c, sich zusammenrei\u00dfen und den Blick wieder in eine bessere Zukunft richten sollten. Es gibt also mitunter nicht mehr gen\u00fcgend Raum, Verst\u00e4ndnis oder R\u00fcckhalt in dieser belastenden Lebensphase. Dies ist einer der Gr\u00fcnde, die mir h\u00e4ufig genannt werden, unser Begleitungsangebot anzunehmen. Ein weiterer Grund ist das Wissen, dass das Gegen\u00fcber im Trauergespr\u00e4ch fachlich geschult und belastbar ist und sich in einer neutralen Position befindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Bemerkenswert ist auch, dass einige Personen nach einer Psychotherapie, in der sie sich im Umgang mit ihrer Trauer unverstanden und emotional nicht aufgehoben f\u00fchlten, den Weg zur Trauerbegleitung finden. Auf mich wirkt das so, als fehle es der Psychotherapie noch an angemessenen Konzepten, um dem Verlauf und dem Wesen der Trauer gerecht zu werden. Vielleicht liegt es jedoch auch daran, dass Trauer keine psychische Erkrankung darstellt und somit nicht \u201etherapiert\u201c werden kann und muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund gibt es auch ganz klare Ausschlusskriterien f\u00fcr eine Trauerbegleitung im hospizlichen Kontext. Dazu geh\u00f6ren z. B. Traumata sowie andere schwere psychische und\/oder Suchterkrankungen. Die im intensiven und normalen Trauerprozess auftretenden Bilder von denen bei psychischen Erkrankungen zu unterscheiden, ist eine \u00e4u\u00dferst wichtige Kernkompetenz im Kontext hospizlicher Trauerbegleitung.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Unser Konzept der Trauerbegleitung<\/h3>\n\n\n\n<p>Kernthemen w\u00e4hrend eines Trauerprozesses sind unter anderem das Finden und Nutzen von pers\u00f6nlichen Ressourcen, Strategien im Umgang mit emotionalen Schmerzspitzen, das Erkl\u00e4ren und Aushalten der Trauerdynamik (\u201eAchterbahnfahrt der Gef\u00fchle\u201c \u2013 Zitat einer Trauernden), Raum und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr alle vorhandenen Gedanken und Emotionen, Erinnerungsarbeit, Organisation des Alltags, vorsichtiges Suchen nach neuen (Lebens-)Perspektiven.<\/p>\n\n\n\n<p>Methodisch nutze ich neben der personen- und ressourcenorientierten Gespr\u00e4chsf\u00fchrung gerne die Biografiearbeit, in der die trauernde Person das gemeinsame Leben mit der verstorbenen Person mit all seinen Facetten noch einmal betrachten kann. Hinterbliebene teilen hier die verschiedenen Lebensabschnitte in Kapitel ein. Jedes Kapitel erh\u00e4lt eine \u00dcberschrift, die die Eigenarten und Besonderheiten dieses Lebensabschnitts widerspiegelt. Vergangene Beziehungen erhalten so eine umfangreiche und ganzheitliche Sichtweise. Betroffene erarbeiten damit eine Art \u201eBuch des Lebens\u201c (Zitat einer Trauernden), mit dem sie ihre Erinnerungen nachhaltiger bewahren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gelegentlich wende ich auch die Methoden der Textarbeit oder Phantasiereisen (mit den Schwerpunkten \u201eeigener Trauerweg\u201c oder Zukunftsaussichten) an. Priorit\u00e4t einer jeden Sitzung, die rund eine Stunde dauert, haben jedoch erst einmal immer die akuten Themen und Emotionen, die im gegenw\u00e4rtigen Alltag eine gro\u00dfe Rolle spielen. Nicht selten gebe ich auch eine \u201eHausaufgabe\u201c in Form eines Impulses, mit dem sich die Trauernden zwischen den Begleitungsgespr\u00e4chen auseinandersetzen k\u00f6nnen. Dazu geh\u00f6rt z. B. eigene Kraftquellen zu benennen, Fotos auszusuchen und Rollen oder Werte der verstorbenen Person zu beschreiben. Dieser Zeitraum bis zum n\u00e4chsten Gespr\u00e4ch ist aus meiner Sicht sehr wesentlich, da hier die in den Sitzungen besprochenen Aspekte wirken und den Trauerprozess in Bewegung halten. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich pers\u00f6nlich ist meine inzwischen mehr als zwanzig Jahre w\u00e4hrende T\u00e4tigkeit in der Trauerarbeit eine gro\u00dfe Bereicherung. Da ist zun\u00e4chst einmal viel Dankbarkeit, Menschen nach unfassbar schweren Verlusten durch eine Zeit der Schwere, Verzweiflung, Ohnmacht, Verletzlichkeit, Wut, Angst, Mut, Wendungen und Suche nach Neuem begleiten zu d\u00fcrfen. Eine solch vertrauensvolle und intime Beziehungsarbeit sucht ihresgleichen und stellt mit ihren existenziellen Themen in meiner Wahrnehmung eine sehr essenzielle Begegnung von Mensch zu Mensch dar.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu erleben, aus welch&#8216; tiefen T\u00e4lern sich Trauernde manchmal auch lange Zeit nach dem Verlust nahestehender Menschen in ihrer eigenen Geschwindigkeit und individuellen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten zarte neue Lebensperspektiven schaffen und neue Wege ohne die verstorbene Person einschlagen k\u00f6nnen, ist eine wundervolle Erfahrung. Ich habe f\u00fcr diese Trauerwege viel mehr Hochachtung und gleichzeitig mehr Respekt vor der Bew\u00e4ltigung eigener schwerer Verluste bekommen. Der Mut und die Kraft vieler begleiteten Menschen stimmen mich zuversichtlich, bei eigener Betroffenheit meinen ganz pers\u00f6nlichen Weg in einer solchen Lebenssituation zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Und daher lautet mein Fazit, auch wenn es ein wenig seltsam klingen mag: Trauerbegleitung ist eine wertvolle und sch\u00f6ne Arbeit!<\/p>\n\n\n\n<p><em>J\u00fcrgen Goldmann<\/em> (2021)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trauer verla\u0308uft individuell und braucht bei jedem Menschen ihre jeweils eigene Zeit und ihren eigenen Raum. Nicht gelebte Trauer kann negative Auswirkungen auf physische und psychische Gesundheit haben. Daher ist es oft lebenswichtig, Trauer zuzulassen und u\u0308ber sie zu sprechen. Wo dies im privaten Umfeld nicht oder nicht ausreichend mo\u0308glich ist, bietet Bonn Lighthouse Trauernden Unterstu\u0308tzung an.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":26,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-25","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-trauerbegleitung-bei-bonn-lighthouse"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":43,"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25\/revisions\/43"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/26"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/bonn-lighthouse.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}